Kategorie-Archiv: Gewalt

Wie Bilder im Kopf zur tödlichen Wirklichkeit werden können

Massaker an Zivilisten in dem Kriegsspiel
Call of Duty: Modern Warfare,
das A. Breivik gespielt hat und das er für Zieltraining empfiehlt

Überarbeitete Version vom 25. August 2011

Im Folgenden habe ich aufgezeigt, dass A. Breivik das Computerspiel Call of Duty: Modern Warfare 2 nicht nur für Schießtraining verwenden, sondern darin auch ein Massaker an einer großen Anzahl von wehrlosen Menschen proben konnte, und zwar in der berüchtigten Flughafenszene.

Download als PDF: A. Breivik und das Massaker an Zivilisten in Call of Duty Modern Warfare 2

English version: A. Breivik and the massacre on civilians in Call of Duty Modern Warfare 2

 

Marksmanship training

Target practise is likely going to be a problem for many people in certain countries (urban Europeans like us, ouch:). Consider taking a vacation to a country where you are able to train in marksmanship or join a gun club. Simulation by playing Call of Duty, Modern Warfare is a good alternative as well but you should try to get some practise with a real assault rifle (with red point optic) if possible.”

S. 900 von A. Breiviks „Manifest“

Zieltraining

Übung in Zielschießen wird wahrscheinlich für viele Leute in gewissen Ländern (städtische Europäer wie wir, autsch :) ein Problem sein. Erwägt einen Urlaub in einem Land, wo ihr Zielschießen praktizieren oder einem Schützenverein beitreten könnt. Simulation, indem man Call of Duty, Modern Warfare spielt, ist ebenfalls eine gute Alternative, aber ihr solltet, wenn möglich, versuchen mit einer richtigen Angriffswaffe (mit Rotpunkt Optik) etwas Übung zu bekommen.

 

February 2010

I just bought Modern Warfare 2, the game. It is probably the best military simulator out there and it’s one of the hottest games this year. I played MW1 as well but I didn’t really like it as I’m generally more the fantasy RPG kind of person – Dragon Age Origins etc. and not so much into first person shooters. I see MW2 more as a part of my training-simulation than anything else. I’ve still learned to love it though and especially the multiplayer part is amazing. You can more or less completely simulate actual operations”.

S. 1418 von A. Breiviks „Manifest“

Februar 2010

Ich habe mir gerade Modern Warfare 2, das Spiel gekauft. Es ist wahrscheinlich die beste Militärsimulation da draußen, und es ist eines der heißestens Spiele in diesem Jahr. Ich habe auch MW1 gespielt, aber es gefiel mir nicht wirklich, da ich im allemeinen mehr der RPG Typ bin – Dragon Age Origins etc. und nicht so sehr der für Ego- Shooter. Ich sehe MW2 mehr als Teil meiner trainings-simulation an als sonst etwas. Ich habe es jedoch zu lieben gelernt, und insbesondere der Multiplayer Teil ist erstaunlich. Man kann mehr oder weniger vollständig richtige Operationen simulieren.

 

A. Breivik empfiehlt für Schießtraining das Kriegsspiel Call of Duty: Modern Warfare 2 und sagt, er habe es selbst in erster Linie als Trainingssimulation benutzt.
Darüber wurde in einigen Medien zwar kurz berichtet, aber nur wenige thematisierten einen möglichen Zusammenhang zwischen der Nutzung dieses Spiels und A. Breiviks Taten. In Computerspielzeitschriften und Gamer-Foren wurden entsprechende Erklärungen mit Empörung zurückgewiesen. So schrieb das Krawall Gaming Network: „Inzwischen sind viele dieser im ersten Sturm auf das Amoklauf-Buffet entstandenen Schlagzeilen zum Glück schon wieder verschwunden, und nur die verärgerten Blog-Einträge von Spielern mit beigefügten Screenshots belegen noch ihre Existenz. Schön, dass man in den Reaktionen nach ein paar Stunden gemerkt hat, was für einen Quatsch man wieder verzapft hat.“[1]
Verbot von BrotIn Amerika qualifizierte Christopher Ferguson diejenigen, die einen Zusammenhang zwischen medialem und realem Töten für möglich hielten, sogar als rassistisch. „Wenn es Schießereien in Innenstädten, in Schulen mit Angehörigen von vielen Minderheiten gibt, dann geht es danach niemals um Videospiele. Wenn so etwas aber in Schulen passiert, wo Weiße in der Mehrheit sind oder in den Vorstädten, dann rasten die Leute aus und zeigen mit dem Finger auf Videospiele. Ich denke, das hat entweder mit Rassismus oder mit Unwissenheit zu tun.“ Und weiter sagt er: „Gewalthaltige Computerspiele für den Massenmord eines jungen Mannes verantwortlich zu machen, ist genauso sinnvoll, wie das Töten auf die Tatsache zu schieben, dass er vielleicht Turnschuhe getragen hat.“[2]
Unter Spielern wurde auf dem gleichen Niveau diskutiert. So wurde auf diversen Internetseiten ein satirisches Poster hervorgeholt, das schon nach der Winnenden-Debatte benutzt worden war. Es forderte das Verbot von Brot: 90% aller Amokläufer hätten vor ihrer Tat Brot gegessen.

Diese Argumentation unterstellt den Kritikern von Mediengewalt monokausale Erklärungen für Taten wie die von A. Breivik. Die Redundanz, mit der sie seit Jahren wiederholt wird, ist erstaunlich. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen hat immer wieder herausgestellt, dass entsprechende Aussagen auf einem Risikomodell beruhen und kein Wirkungsautomatismus behauptet wird: Bei labilen, angeschlagenen Menschen, die sich sowieso schon an Macho-Vorbildern orientieren, können Gewaltspiele Aggression verstärken, bzw. Empathie-Vermögen reduzieren.

Im Falle von A. Breivik müssen bisherige Erklärungsmodelle jedoch um einen Faktor ergänzt werden: die Rationalisierungen durch ideologische Rechtfertigung. Sein Sendungsbewusstsein führte dazu, dass er etwa auch das Töten von Frauen, was seinem ritterlichen Selbstbild eigentlich entgegensteht, rechtfertigte, ebenso wie den Einsatz kleinerer Atomwaffen, die den anstehenden Europäischen Bürgerkrieg schneller beenden und damit hunderttausende von Leben retten würden.

Von daher überzeugt die Analyse von Jens Minkmar, der in einem Essay in der Frankfurter Allgemeinen den Geisteszustand A. Breiviks mit dem von SS-Männern in der Sowjetunion vergleicht und der Behauptung widerspricht, A. Breivik sei geisteskrank. Mit Recht fragt er: „Waren die Angehörigen der Einsatzgruppen und der SS alle geisteskrank, die Operation Barbarossa ein kollektiver Amoklauf?“ und stellt dann fest: „Dies ist eine Tat, die wir im Lichte der Geschichte des 20. Jahrhunderts betrachten müssen, denn wir kennen Breivik schon lange. Wir hatten ihn bloß vergessen.“[3]
Das Tertium Comparationis ist die Verblendung durch eine Ideologie, die Empathie schwinden lässt und emotionslosen Massenmord erlaubt.

Eine zweite Besonderheit muss bei A. Breivik bedacht werden, nämlich die von ihm behauptete Nutzung des Spiels für Schießtraining, also für das Einüben mechanischer Fähigkeiten, wie sie fürs Schießen auf bewegliche Ziele notwendig sind.

Ein Spielerforum bezweifelte „dass jemand durch Mausschubsen den Umgang mit einer realen Waffe erlernt.“[4] Derartige Argumente übersehen die möglichen Transfer-Effekte beim Spielen. Es geht nicht um den Umgang mit der Waffe, sondern (unter anderem!) um das Einüben von Auge-Hand-Koordination, einer Fähigkeit, die von Spielebefürwortern regelmäßig als zentraler Lerngewinn beim Computerspielen angesehen wird. Auf der Internetseite von Electronic Arts heißt es dazu: „Eine Untersuchung des renommierten Beth Israel Medical Center in New York hat gezeigt, dass sich auch ganz normale Actionspiele positiv auf die motorischen Fähigkeiten von Ärzten auswirken. Die Langzeitstudie ergab, dass Chirurgen, die sich regelmäßig mit Computerspielen beschäftigen, bis zu 37 Prozent weniger Fehler machen als andere – und auch noch schneller operieren als ihre Kollegen.“[5] Niemand in der Spieler-Community kam bei Nachrichten über diesen Zusammenhang auf die Idee, zu sagen: „Den Umgang mit den Skalpell lernt man nicht mit Mausschubsen.“
A. Breivik, der auf er auf eine große Anzahl von „beweglichen Zielen“ schoss, der mit zwei Waffen agierte, womöglich auch noch seine Opfer fotografierte, benötigte für seine Untaten Auge-Hand-Koordination und wird wissen, was er sagt, wenn er das Computerspiel als Trainings-Option empfiehlt.

Es ist wohl den PR-Aktivitäten der Spieleindustrie zu verdanken, dass die zitierten Aussagen des Attentäters in der Öffentlichkeit so wenig Beachtung fanden. Nach dem Amoklauf von Winnenden befasste sich eine Hart-aber-Fair Sendung ausschließlich mit der der Gefährdung des Täters durch Gewaltspiele. Nach dem 22. Juli 2011 gab es nur wenige Beiträge in Zeitungen.[6] Weder die ZEIT noch der SPIEGEL hielten die zitierten Aussagen für berichtenswert.[7]

Eine bestimmter Inhalt von Call of Duty: Modern Warfare 2, dem erfolgreichsten aller Videospiele,[8] hat jedoch in die Berichte über A. Breiviks Nutzung des Spiels (zumindest die in Deutschland) noch keinen Eingang gefunden, nämlich die Tatsache, dass in einer Anfangsmission der Spieler als CIA-Undercover-Agent russische Terroristen begleiten und zusammen mit diesen auf einem Flughafen ein Massaker unter wehrlosen Zivilisten anrichten kann.[9]

Flughafenszene

Massaker in Call of Duty: Modern Warfare 2Spieler/CIA Undercover Agent (Halter der Ego-Shooter-Waffe) erschießt zusammen mit russischen Terroristen wehrlose Zivilisten, auch flüchtende, z.B. die Frau unten links, die gerade vor die Waffe läuft.(Zum Vergrößern in das Bild klicken)

Wohl kaum eine Computerspielszene wurde bisher mehr diskutiert als diese, nicht nur wegen ihres skandalösen Inhalts sondern auch, weil sie vor Erscheinen von Call of Duty: Modern Warfare 2 geleakt wurde, d.h. auf dubiose Weise vorzeitig in die Öffentlichkeit gelangte. Viele Zeitungen schrieben seinerzeit über diese Szene, und im Internet wurde sie in sämtlichen Spielerforen und von sämtlichen Spiele-Magazinen besprochen, fast durchweg kritisch,[10] und fast durchweg wurden Bilder dieser Szene gezeigt.“

Raffael Schupisser beschrieb die so genannte „Flughafenszene“ in der Neuen Züricher Zeitung als „die abscheulichsten dreieinhalb Minuten Spielzeit der Videospielgeschichte.“[11] Was die Dauer betrifft, scheint allerdings auch die deutsche Version variabel zu sein. Eine Recherche in YouTube, wo fast eine halbe Millionen Videoclips von Call of Duty: Modern Warfare 2 zu finden sind, zeigt, dass Spieler es in dieser Szene auch auf 9 Minuten gebracht haben.[12]

In YouTube Beispielen der ungeschnittenen Version sieht man, wie der Spieler/Agent ganz nah an die Menschen in der Wartehalle herantritt und diese dann geradezu niedermäht. Es bricht Panik aus, die Menschen flüchten, man hört ihre Schreie. Der Spieler folgt dann den Terroristen, die sich frei durch die Räumlichkeit des Flughafens bewegen können, wo sie an verschiedenen Orten immer wieder Opfer finden. Gelegentlich schießen sie von einem erhöhten Standpunkt auf die Menschen in der Wartehalle. Kinder befinden sich unter den Opfern nicht, aber Frauen sind als solche deutlich zu erkennen. Es wird auf Flüchtende aus nächster Nähe geschossen, auf Verwundete, die am Boden kriechen, auch auf einen Menschen, der versucht, einen Verletzten aus der Schusslinie zu ziehen. Die Täter schreiten über Leichen und durch Blutlachen.
Eine albtraumhafte Szene.

In Deutschland hat die USK diese Mission in einer Weise deaktivieren lassen, dass der Spieler selbst nicht auf Zivilisten (oder Terroristen!) schießen darf. Tut er es, muss er sie von vorn beginnen. Norwegen jedoch ist ein PEGI-Land (Pan European Games Information), und in diesen erschien das Spiel ungeschnitten. Das heißt A. Breivik konnte diese Mission spielen.

Dass nach dem 22. Juli in den deutschen Medien nicht – oder noch nicht? – auf das Flughafenmassaker in Call of Duty: Modern Warfare 2 hingewiesen wurde, hat sicher unterschiedliche Gründe. Viele Redakteure und Journalisten werden die Szene nicht kennen. Aber vielleicht hat die PR- Strategie der Spielindustrie bereits eine gewisse Selbstzensur erzeugt, so dass sie auf die naheliegende Recherche in YouTube verzichteten, wo man relativ schnell auf die Szene stößt.
Dass Spielezeitschriften und Spielerforen kein Interesse an dieser Art von Aufklärung haben, liegt auf der Hand: Viele Spieler fühlen sich unverstanden und – tatsächlich – stigmatisiert.[13] Sie fürchten, dass ihr Ansehen in der Öffentlichkeit weiter leidet, und vor allem fürchten sie eine neue Verbotsdebatte. Ich denke jedoch, eine mutige Auseinandersetzung mit den Aussagen A. Breiviks würde ihrem Ansehen eher nützen.
Kein Mensch behauptet heute monokausale Zusammenhänge zwischen Spielegewalt und realer Gewalt. Aber angesichts der Ungeheuerlichkeit der Taten gilt, was Nils Minkmar in dem erwähnten FAZ Artikel in Bezug auf A. Breivik schrieb: „Wir sind es den Opfern schuldig, zu studieren, was er geschrieben hat, wie er vorgegangen ist, bis ins kleinste Detail.“
Und EIN kleines Detail ist diese wüste Szene. In dem zitierten Artikel in der Neuen Züricher Zeitung (2009!) schrieb Raffael Schupisser, der der Mission eigentlich eine aufklärerische Intention unterstellte: „Man kann sich auch gut vorstellen, dass diese Szene bei psychisch labilen Menschen einen negativen Effekt haben könnte.“
Das kann man sich tatsächlich vorstellen. Das eingangs genannte Risiko-Modell für die Wirkung medialer Gewalt meint genau solche Menschen. Sie lernen mit medialen Gewaltszenen nicht nur, Tötungshemmungen zu überwinden. Solche Szenen können auch eine gewisse Trigger-Funktion haben. Es ist denkbar, dass das virtuelle Massaker in Call of Duty: Modern Warfare 2 die Phantasie des A. Breivik angeregt hat und dass er es im „Hinterkopf“ hatte, als er begann einen Massenmord an wehrlosen Menschen zu planen.

Die Informationen, vor allem die Bilder, die zur Diskussion eines möglichen Zusammenhangs notwendig sind, sollten der Öffentlichkeit jedenfalls zur Verfügung stehen.

©2011 Regine Pfeiffer


Fußnoten    (↵ zurück zum Text)
  1. http://www.krawall.de/web/Killerspiele/news/id,59150/ (04.08.2011)
  2. http://www.pcgames.de/Killerspiele-Thema-158840/News/US-Professor-Es-ist-rassistisch-Computerspiele-fuer-den-Massenmord-in-Norwegen-verantwortlich-zu-machen-836671/ (17.08.2011)
    Christopher Ferguson war einer derjenigen Wissenschaftler, die dem Obersten Gerichtshof in Amerika Argumente gegen ein Gesetz lieferten, das den Verkauf von Gewaltspielen an Minderjährige verbieten sollte.
  3. http://www.faz.net/artikel/C32742/anders-breivik-wahn-und-sinn-30476396.html (10.08.2011)
  4. http://stigma-videospiele.de/wordpress/?p=5431 (10.08.2011)
  5. http://www.presse.electronic-arts.de/publish/page206497939457032.php3?messageid=650 (10.08.2011)
  6. Neben dem zitierten Essay von Jens Minkmar in der FAZ, ein Interview mit Bert te Wildt, dem Vorsitzender des Fachverbands Medienabhängigkeit, in der TAZ, http://www.taz.de/!75263/ (05.08.2011)
    und in der Süddeutschen ein Beitrag von Bernd Graff „Ego-Shooter als Massaker-Vorbereitung“ http://www.sueddeutsche.de/digital/anschlaege-in-norwegen-wie-der-attentaeter-sich-mit-ego-shootern-vorbereitete-1.1125117 (05.08.2011)
  7. Genauere Berichte über den Inhalt von Call of Duty: Modern Warfare 2 gab es interessanterweise in Australien. Offensichtlich ist der Grund dafür, dass in diesem Land die Kontroverse um die Wirkung von Mediengewalt genau am 22. Juli 2011 ihren Höhepunkt erreicht hatte und an diesem Tag die Einführung einer 18+ Wertung für Computerspiele beschlossen wurde, die bis zum Ende des Jahres realisiert werden soll. Im Kontext dieser Debatte hatten Zeitungen des Landes wohl auch schnell Massaker-Szenen aus Call of Duty: Modern Warfare 2 parat und bildeten sie ab. Zunächst im Sidney Morning Herald, später auch in anderen Zeitungen.
    http://www.smh.com.au/digital-life/games/from-fantasy-to-lethal-reality-breivik-trained-on-modern-warfare-game-20110725-1hw41.html (03.08.11)
    (Vorlage für meinen Titel!)
  8. Allein in England und in den USA wurden am ersten Tag des Erscheinens 4,7 Mio. Spiele verkauft. Damit verdrängte
    Call of Duty: Modern Warfare 2 GTA IV vom ersten Platz, das es ein Jahr früher auf 3,6 Mio. gebracht hatte.
  9. Dem Spieler wird angeboten, dass er diese Mission wegen ihres vielleicht „anstößigen“ Inhalts überspringen kann.
  10. Ein gutes Beispiel: Der Redaktionskommentar der Zeitschrift GameStar, der in die Szene eingefügt ist. http://www.gamestar.de/index.cfm?pid=1589&pk=13105&ci=search&search=mod (01.08.2011)
  11. http://www.nzz.ch/magazin/unterhaltung/spielrezensionen/grenzerfahrungen_fuer_ego-shooter_1.4036779.html (01.08.2011)
  12. http://www.youtube.com/watch?v=H51cZLk7rsI (05.08.2011)
    Es gibt viele Beispiele in YouTube; Suchbegriffe: Call of Duty Airportscene. Interessant sind die Spielerkommentare zu den jeweiligen Videoclips.
  13. Symptomatisch dafür ist das Forum Stigma Videospiele, in dem, wie ich finde, eine gewisse Wagenburgmentalität gepflegt wird.

Gewalt gegen Frauen in Computerspielen, Frau TV 23.09.2010 – Antwort auf die Beiträge im Gästebuch

Zur Entstehung des Beitrags:

Die Idee, Frau TV zu kontaktieren hatte ich, als ich gleichzeitig mit der obszönen Gewalt in Dantes Inferno und der in Heavy Rain konfrontiert war. Ich bot FrauTV  eine Vorführung der entsprechenden Videos an. Nach den ersten Gesprächen am Telefon, wurden David und ich gebeten,   uns für einen Beitrag zu Verfügung zu stellen. Die Zeitbeschränkung stand bei der Produktion von  vornherein fest.  Es war klar, dass lediglich Miniszenen gezeigt würden und  dass auf Kontext verzichtet werden müsste. Später stellte sich auch noch heraus, dass Szenen aus Spielen ab 18 nicht gezeigt werden sollten, allerdings nicht, um die Nerven der Zuschauer am Abschalten zu hindern, sondern aus rechtlichen Gründen.  Angesichts der öffentlichen Tabuierung von Computerspiel-Gewaltbildern, fand ich WENIG BESSER ALS NICHTS. Bei ihren Kindern würden Eltern solche Szenen wie die aus Heavy Rain mit Sicherheit nicht zu sehen bekommen.
Die Aufnahmen für den Beitrag dauerten sehr lang,  mit denen auf der Gamescom ca. sieben Stunden, das heißt, 95% wurden geschnitten. Natürlich hatten wir korrekte Informationen zu allen Spielen gegeben, aber leider entstanden durch die Anmoderation ein paar kleine Fehler. Die Aufregung über die Angaben zur Alterseinstufung fand ich jedoch ziemlich hysterisch. Konnten die Schreiber im Ernst glauben, dass wir GTA SA und GTA IV nicht unterscheiden können? Bei der Szene, wo der Prostituierten auf der Straße die Kehle durchgeschnitten wird, stand doch drunter: GTA San Andreas, Rockstar Games.   Die  Kernbotschaft des Beitrags jedoch  waren die Inhalte der gezeigten Szenen.  Und die waren alle korrekt.

Jetzt zur Kritik im Einzelnen.

GTA IV

1.     Ich habe nie behauptet, dass dieses Spiel ausschließlich von brutalen Spielszenen lebt. Warum unterstellen Sie  das? In Vorträgen gehe ich ausführlich auf satirische Elemente des Spiels ein (Beispiele: Brucies Steroidmissbrauch, der Kindesmissbrauch durch den Wild Traveller,  Faktenverdrehung durch  Juristen etc. )  Ich habe im Beitrag nichts weiter getan, als auf Gewalt gegen Frauen hinzuweisen und diese zu zeigen. Meines Erachtens gibt es für für Bilder wie diese hier keine Entschuldigung.

Auch wenn Sie beteuern, dass Spieler nicht gezielt Gewalt gegen Frauen ausüben. Schon allein die Option reicht.  Sie halten es  ja auch nicht für möglich, dass  gezielt Gewalt gegen Juden ausgeübt wird.  Wird es aber doch.  Schauen Sie sich die Videos an.

http://www.youtube.com/watch?v=CDhPSf_BW60

http://www.youtube.com/watch?v=1d5r3nonfcY

http://www.youtube.com/watch?v=JgW3U8UJi78

Ich  habe kürzlich weitere gefunden, aber leider die Links nicht archiviert.

2.     Der alte Jude auf der Brücke

http://www.youtube.com/watch?v=Ktch-4G4Yws&has_verified=1


Der alte Jude auf der BrückeSie hatten  verschiedene Erklärungen dafür  gefunden, dass der alte Jude  hier auf dem Brückengeländer sitzt. Ohne, dass Sie das Bild gesehen hatten, waren Sie der Meinung, hier würde sich jemand ausruhen.  Schauen Sie es  sich an und geben Sie mir EINEN vernünftigen Grund für das  Arrangement.   Der Jude  sitzt hier ausschließlich, um rassistische Gewalt zu ermöglichen.  Welchen realistischen Grund  sollte es sonst für diese absurde Platzierung geben?
Offensichtlich fanden auch andere YouTube Nutzer diese Szene  anstößig: Heute liest man auf der entsprechenden Seite: „ Dieses Video bzw. diese Gruppe enthält möglicherweise Inhalte, die für einige Nutzer unangemessen sein können, und wurde daher von der YouTube-Community gemeldet.“
http://www.youtube.com/verify_age?next_url=http%3A//www.youtube.com/watch%3Fv%3DKtch-4G4Yws
Von MIR stammt die Meldung NICHT.

Weitere Videos der Art finden Sie hier:

http://www.youtube.com/watch?v=CDhPSf_BW60

http://www.youtube.com/watch?v=1d5r3nonfcY

http://www.youtube.com/watch?v=JgW3U8UJi78

3.     Sie meinen, Rockstargames sollte gegen meinen Bruder und mich eine Verleumdungsklage anstrengen.   Was Sie sich fragen sollten ist, warum die Firma das nicht längst getan hat. Sie würde  mit Sicherheit den Kürzeren ziehen.  Leider trauen sich diese Firmen das nicht. Auch EA mit dem unsäglichen Pate-Spiel hat es nicht  gewagt.  Als ich sie Schweinefirma nannte, waren Spieler der Meinung, die Firma müsste eine Entschuldigung verlangen. Aber sie tat nichts dergleichen. Im Gegenteil, der Pressesprecher, Herr Lorber, schrieb mir einen freundlichen, ja geradezu anbiedernden  Brief, in dem er die  Behauptung aufstellte, er und ich, wir wollten im Grunde genommen das gleiche. Anstatt eine Entschuldigung zu fordern schrieb er, ich solle ihm „gelegentlich“ von meiner Studienreise nach Korea berichten (auf der ich über Spielesucht geforscht hatte.)

4.     Ihre Aussage zur nicht erfolgten Indizierung von GTA IV ist FALSCH: Herr Hilse, der  Oberste Vertreter der  Landesjugendbehörden, wollte das Spiel indizieren. Er legte VETO gegen die Freigabe ein. Dann lief das vorgeschriebene Konflikt-verfahren ab, und dann erhielt das Spiel die Einstufung „Keine Jugendfreigabe“.

Zu  Red Dead Redemption und der unsäglichen Trophäe

Ich wundere mich, dass keiner von Ihnen den Fehler in diesem Teil des Beitrags gesehen hat. Man kriegt ja nicht hundert Punkte für die Aktion mit der Frau, sondern nur fünf.  Aber eine belanglose Randerscheinung ist diese Trophäe keineswegs.
Ihre Argumente beziehen sich fast ausschließlich auf  Missionen und die  freie Spielewelt.  Dabei übersehen Sie genau das, was wir kritisiert haben.  Es gibt mit den Achievements/Trophäen eine Form von Belohnungen, die völlig unabhängig von Kontext und Zusammenhang ist.

Im folgenden Auszug aus dem Trophäen Leitfaden wird auch deutlich, was es mit Ihren Hinweisen auf die Verfolgung, also die Bestrafung der  Gewalt gegen Unschuldige, auf sich hat. Es ist leicht, diese Folgen los zu werden.   Man besorgt sich ein Begnadigungsschreiben, man besticht Zeugen, des Gewaltakts und dergleichen. Den Verlust von Ehrenpunkten bei Diebstahl, Raub und anderen Verbrechen kann man, vermeiden, indem man sich ein Halstuch kauft, und sich das vors Gesicht bindet.
Also moralische Anstalten, so wie Sie das hinstellen, sind weder die GTA Spiele noch ist es RDR.

Zum Beleg ein paar Beispiele aus dem Trophäen Leitfaden

trophaee1

Freunde an hoher Stelle
Benutze ein Begnadigungsschreiben bei mehr als $ 5.000 Kopfgeld im Einzelspieler-Modus.
Immer wenn ihr gegen das Gesetzt verstoßt, erhöht sich euer Kopfgeld. Dieses könnt ihr mit Begnadigungsschreiben gleich 0 setzen. Lasst euer Kopfgeld auf 5000$ steigen und kauft euch dann in diesem Wert ein Begnadigungsschreiben. Dies ist in jeder Stadt möglich und auch auf der Karte markiert.
Wenn ihr nicht genug Geld habt, könnt ihr auch ein Begnadigungschreiben benutzen, das ihr gefunden habt.

trophaee2

Retter der Ritterlichkeit?
Erreiche den höchsten Ruhm- und entweder den höchsten oder den niedrigsten Ehren-Rang.

trophaee3

Unnatürliche Selektion
Erledige ein Exemplar jeder Tierart im Spiel im Einzelspieler-Modus.

trophaee4

Voll ins Schwarze
Erziele 250 Kopftreffer in einem beliebigen Spielmodus

trophaee5

Heimtückisch
Lege eine gefesselte Frau auf die Eisenbahnschienen und sieh zu, wie sie überfahren wird.
Hierfür müsst ihr eine Frau fesseln und auf die Bahngleise legen, sodass die Frau vom Zug überfahren wird.

Zur Heavy Rain Szene

Sie sind ja der Meinung die Szene würde durch die Einordnung in einen Handlungskontext weniger schlimm. Ich sehe das anders: Egal, ob Madison getötet wird, oder ob einem ihre Befreiung gelingt, und sie dann den Doktor tötet: Das Bild von dem Bohrer, der sich langsam auf die die Genitalien der Frau zu bewegt, dieses Bild  in die Köpfe von Jugendlichen  zu bringen, das ist der Skandal. Hans-Peter-Paul: Sie schreiben, „wer so etwas tun will, darf es ab 18 gerne tun. Why not?“. Aber das Spiel hat eine 16er Wertung, und auch wenn es ab 8 wäre, fände ich die Szene ganz und gar anstößig.
Und noch einmal zu den Achievements zurück: Für Heavy Rain gibt es eine Goldtrophäe, sie heißt Perfektes Verbrechen, bei der muss man Madison (und andere, die gegen den Origami-Killer agieren)  sterben lassen.

Was mich außerordentlich beschäftigt, ist die extrem unterschiedliche Reaktion von Gamern und Spiele-Laien.  Wenn ich Leuten von dieser Szene nur erzähle, sind sie auf tiefste schockiert. In Vorträgen  verzichten manche darauf, sie sich anzuschauen.  (Ich warne vorher).

Einige von Ihnen beteuern zwar, Sie würden mit Madison mitleiden, aber die meisten versuchen, die Gewalt durch Hinweis auf die viel schlimmere Gewalt in Filmen zu relativieren. Nachdem ich vor 14 Tagen die Analyse gelesen habe, die Redakteure der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung von Kinderfilmen „ab 12″ vorgelegt haben, vermute ich, dass Sie damit  in gewisser Weise Recht haben. Aber sollen wir über Masern nicht mehr reden, nur weil es irgendwo Cholera gibt? Einer der Anonymen unter Ihnen schrieb „Und mit 18 Jahren bin ich keineswegs aggressiv, eher abgehärtet weil es mir leichter fällt, beleidigungen oder ähnliches an mir abprallen zu lassen„. Eine interessante Selbstbeobachtung.  Ich bezweifle, dass seine Freundin oder seine späteren Kinder es gut finden werden,  dass er gelernt hat, Kränkungen abprallen zu lassen. Die Ungerührtheit wird ja nicht selektiv erzeugt, sondern bedeutet allgemein eine dickere Hornhaut auf der Seele.

Dantes Inferno

Dantes Inferno wurde ja von Frau TV nicht thematisiert, was ich schade fand. Wegen der Kombination von Gewalt und pornografischen Elemente, übertrifft es Heavy Rain bei Weitem, das ja in vielerlei Hinsicht ein schönes und anrührendes Spiel ist.
Um die Lücke zu schließen,  würde ich hier eigentlich gern ein Bild aus diesem Spiel einfügen. Aber das Bild ist so widerwärtig, dass ich es niemandem zumuten will. Deswegen beschreibe ich die Szene nur: eine nackte Frau kniet vor der vom Spieler gelenkten Figur. Sie fleht um ihr  Leben, aber er zeigt keine Gnade sondern rammt ihr seine Waffe, eine Sense, mitten ins Gesicht, so dass diese den Kopf durchbohrt und beim Hinterkopf wieder rauskommt. Wer braucht so etwas? Es ist eine Szene, die im Spiel oft wiederholt wird, weil der Spieler, um seine Waffe optimal

Vereinzeltes

Muss ich die Namen von Spielen kennen, deren Gewaltszenen ich moniere?

„Wenn man sich mit etwas nicht auseinander setzt kann man es auch nicht beurteilen Also namen her… „ fordert Christian.  Ich halte das für abstrus.  Wenn ich einen Verkehrsunfall melde, muss ich auch nicht die Marken der darin verwickelten Autos kennen. Und wer sagt, dass sie sich damit „auseinandersetzen“ muss. Sie kann  einfach mit Schrecken auf die Bilder reagieren und Schluss.

Zur Verantwortung der Eltern
Eltern sind keineswegs hilfos dagegen, wie im Bericht Diese müssen einfach mal Interesse an den Tätigkeiten Ihrer Kinder zeigen und wenn das Kind mal ein Spiel spielt wird es doch nicht schwer sein, dabei mal dem Spielenden über die Schultern zu schauen erwähnt wird!.

Minderjährige bezahlen bei Bigpoint

Gabunon schreibt Folgendes: Ein Weiteres Beispiel wie Falsch dieser Artikel und seine Aussagen gibt ist diese „Pimp“ OnlineSPiel, dieses kostet nämlich Geld was mit Kredikkarte bezahlt werden muss.. Was hier natürlich schön unter den Teppich gekehrt wird und die Falschaussage das jeder 6 Jährige dadran kommt in die Welt gesetzt wird. Bigpoint sollte hier eine Verleumdungsklage gegen Frau Pfeiffer und FrauTV einreichen..

Lieber Gabumon, ich musste alle Fragen in den Interviews spontan beantworten, aber Sie hatten die Chance mit ein paar Klicks Ihre Behauptungen zu überprüfen, ebenso, bzw. noch mehr, die von Ihnen so gepriesene Institution Fernsehkritik TV, die über das Bezahlen bei THE PIMPS wirklich Unsinn geschrieben hat. Warum haben Sie das nicht getan?

Also: 1. Bigpoint preist alle Spiele als KOSTENLOS an. Aber die Spiele sind so aufgebaut, dass man verführt wird, Zusatz-Items zu kaufen, die die Langeweile mildern, bzw. den Fortschritt erleichtern.
einverstaendniseltern2. Man kann in alle Bigpoint-Spiele rein, indem man sein Geburtsdatum fälscht. Dabei kann man z.B. angeben, man sei 2004 geboren, dann erhält man die Rückmeldung, dass man mindestens 12 sein muss, also ändert man das Geburtsjahr in 1998. Man muss sich dazu nicht einmal neu einloggen. Dann wird man mit diversen Kaufangeboten konfrontiert. Will man einen Einkauf tätigen, erhält man nebenstehende  Mitteilung.

Also: der minderjährige Nutzer bescheinigt sich hier die Einverständnis der Eltern.

Nicht umsonst bietet die Firma dann  eine lange Palette von Bezahlmöglichkeiten an.
Also, lieber Gabumon, klicken Sie doch mal diese Schritte nach. Wenn ich etwas Falsches gesagt habe, schreiben Sie mir.
Übrigens, für das unsägliche Spiel THE PIMPS, können Sie das nicht mehr tun. Dieses war ja schon längere Zeit umstritten, und wurde kürzlich zurückgezogen.

Ich habe diese Dinge schon oft genug in der Öffentlichkeit beschrieben, aber Bigpoint wird sich hüten, eine Verleumdungsklage gegen mich anzustrengen. Sie würden auf jeden Fall den kürzeren dabei ziehen.

Und noch eines, Gabumon:  Sie schreiben .. Und schon geht das Gesülze der Frau wieder los von ihr frei erfundener Abzocke, Gewalt oder Suchtkram.
Meinen Sie nicht, Ihre Tonlage ist etwas daneben? Ich würde mich freuen, wenn wir auf zivilere Weise ins Gespräch kommen. (mail[at]regine-pfeiffer[punkt]de)

Zu schnelles Auto Fahren – Computerspiele

Gerfi 15: „Vielleicht habe ich doch noch ein Argument: Es gibt auch spiele in denen man ein Auto mit über 300 Km/h über eine Rennbahn heizt, und trotzdem werden die Ursachen durch Autounfälle durch zu schnelles Fahren nicht bei diesen Spielen gesucht“.
Lieber Gerfi. So einfach ist das nicht. Die Wissenschaft behauptet doch NIE monokausale Zusammenhänge. ABER: Es gibt zwei Untersuchungen, die nachgewiesen haben, dass direkt nach dem Spielen von Autorennspielen das Unfallrisiko steigt. Eine wurde vom Fahrschullehrerverband in London durchgeführt, die andere in – von wem, weiß ich nicht mehr, in München.

Ein Beitrag bezog sich auf die Ratschläge, die Frau TV im Anschluss an die Sendung formuliert hat. (Ich finde den Eintrag nicht mehr). Ich wurde ermahnt auch derartig Konstruktives zu liefern: Lieber Mahner:  Diese Ratschläge stammen von mir, ich habe Arno Klothen die Datei überlassen, die ich in Vorträgen verwende.   Wenn ich von der Zumutung gesprochen habe, die die Computerspiel-Fernseh-Internet Probleme für die Eltern bedeuten, predige ich doch nicht Passivität.  Ich habe lediglich auf das ungleiche Kräfteverhältnis zwischen Eltern und Spiele-Industrie hingewiesen.

Fazit:

Ich fand es schade, dass die Limitierung, die das Sendeformat mit sich brachte, von den Kritikern nicht verstanden wurde. Das hat viel überflüssigen Ärger produziert. Mit dem 7-Minuten Limit war es einfach nicht möglich, den Kontext zu erklären.  Wir hätten den Raum für konstruktivere Dialoge verwenden können. Aber immerhin, ein paar Brücken wurden vielleicht doch gebaut.